Grossmühlingen - ein typisches Bördedorf

Handschriftlicher Lebenslauf aus der Chronik III. Teil S. 54 ff.

Friedrich Loose 1. Mai 1898

Ich bin geboren 24. April 1853 in Bornum b. Zerbst, wo mein Vater 1850 – 1868 Pastor war, dieser war dann 1868 – 1889 Pastor in Brambach und starb emeritiert 1903 in Dessau im Alter von nahezu 88 Jahren.

Ich besuchte die Dorfschule bis 1863 und das damals 7-klassige Gymnasium zu Zerbst bis Ostern 1873. In Halle studierte ich 3 Jahre Theologie, zu meinen Lehrern gehörten die dortigen Professoren der Theologie Beyschlag (N. T. und Theologie), Ed. Thieken (A. T.), Jul. Köstlin (N. T. u. Systematik), der damals schon alte Jul. Müller (Dogmatik + Symbolik), Just. Jacobi (Historiker). Aug. Tholucks Vorlesungen wurden wegen seines hohen Alters nur noch von einigen wenigen Studenten besucht.

Ostern 1876 – 1879 war ich Hauslehrer zuerst im Hause des Amtsrathes Boden in Hoym, in welcher Stellung ich im Sommer 1876 mein 1. theologisches Examen und ein Jahr später den vorgeschriebenen 6wöchentlichen Seminarkursus in Cöthen absolvierte. (1. Januar 1879) Nachher wurde ich Hauslehrer im Hause des Gutsbesitzers Hagemann in Belleben (Kreis Cönnern).

Soldat wurde ich nicht, da mein Brustumfang nicht genügte.

Beim damaligen Mangel an Theologen fand ich den 1. April 1879 in Coswig a./E. im Kirchendienst Verwendung, von wo aus ich im Juni 1879 mein 2. theologisches Examen machte.

Ordiniert bin ich am 7. September 1879 von Probst Schlick in Coswig. Ich wurde als dortiger „Hilfsprediger“, der auch Unterricht in der Töchterschule zu geben hatte, fest angestellt und behielt dieses Amt bis zu Ostern 1882, zu welcher Zeit ich Pfarrer zu Unterwiederstedt und 2ter Geistlicher von Sandersleben (mit Amtswohnung in Sandersleben) wurde.

Zum 1. Juli 1886 wurde ich Pfarrer in Radegast mit den Filialkirchen Zehbitz und Wadendorf und zum 1. Mai 1898 hiesiger Pastor.

Meine Probepredigt hielt ich am 2. p. Epiph. 1898 über Marc. 2, 18 – 20, eingeführt wurde ich durch den Superintendenten Fischer aus Bernburg, meiner Antrittspredigt an diesem Tage war der Text Joh. 21, 17 zu Grunde gelegt. Dom. Cantate, 8. Mai 1898
Meine Umzugskosten wurden mir aus einer Kasse des Herzoglichen Konsistoriums aus Landeskirchensteuern (Kasse) erstattet.

Weil mein Vorgänger die sämtlichen kirchlichen Körperschaften zu meinem Einführungskaffee eingeladen hatte, veranstaltete ich ein gleiches Mahl am Einführungstage.

Aus den Gemeinde Kirchenratsprotokollen ist zu ersehen, daß bei meines Vorgängers Herkunft „wegen der Kürze der Zeit“ von einem Einführungskaffee zunächst Abstand genommen wurde, er hat es aber trotzdem gegeben und dazu die kirchl. Gemeindevertretung und d. G. K. R. eingeladen, wie ich durch ihn erfuhr.

Ich bin seit 1880 mit Therese, geb. Berger (* 1857 in Krosigk bei Lobejün, † 1928 in Großmühlingen), Tochter des dortigen Mühlenbesitzers verheiratet (getraut in Brambach).

Kinder: 1. Walther * 1881 in Coswig † in Radegast 1886 an der Diphtheritis,
  2.

Rudolf * 1884 in Sandersleben, besuchte das Cöthener Gymnasium, studierte in Halle und Tübingen Theologie, bestand Juni 1909 sein 1. theol. Examen, sein 2. Examen in Dessau, 15. Oktober 1911 Hilfsprediger in Aken bei Dessau, 15. April 1912 Pfarrvertreter in Natho bei Rosslau a./E., dort angestellt als Pfarrer 1. Juli 1912. Seit 1. 12. 1918 Pfarrer in Großweissand, ~ 1912 Hedwig Götze aus Erfurt

† 1923

~ 1926 Mathilde aus Göhren

  3. Elisabeth * 1885 in Sandersleben
  4.

Magdalene * 1890 in Radegast besuchten die Dessauer Töchterschule

~ 27. 10. 1927 Pastor Werner Niemann, hier.

  5.

Konrad * 1900 in Großmühlingen. Seit Ostern 1911 Gymnasiast in Zerbst, im Juni 1918 zum Grunddienst eingezogen, daraus 1. März 1919 entlassen, bestand in Dessau Ende 1919 das Abiturexamen, um Ingenieur zu werden, 1. Nov. 1926 ff. Dipl. Ingenieur in Essen (Ruhr),

~ 21. 9. 1929 Else Kohlstadt aus Offenbach (Main)

Über die großen Pfarreinkünfte siehe die Pfarr-Rechnungen 12072 Mk pro 1. Oktober 1907/08 das Kapitalvermögen der Pfarre stammt aus Ablösungen und Kohlenuntergrund-Entschädigungen.

Ich beziehe daraus mein mäßiges Gehalt. Es beträgt jetzt (1908) 6500 Mk (incl. 600 Mk für Wohnung).

Seit 1. Juli 1910 7200 Mk (incl. 600 Mk für die Dienstwohnung).
Seit 1. Juli 1917 um 600 Mk erhöht

Im Jan. 1918 für Teuerungszulagen, seit 1. April 1920 Grundgehalt 12600 Mk (incl. 600 Mk für Wohnung), Ausgleichszahlung wegen der Teuerung und 600 Mk für den auszubildenden Sohn Konrad, später erhöht, (incl. 600 Mk Dienstwohnungswerth. (Höchstgehalt).

Außerdem beziehe ich aus der Kirchenkasse 3 Mk Zinsen meines Legats für meine Privatbibliothek (es gab Pastor Trempenau III, 42) Akzidenzien erhalte ich für 1 Haustaufe 3 Mk, für 1 Wochen(?) taufe in der Kirche 25 Mk, für ein feierliches Begräbnis (Rede im Hause) 3 Mk, die noch üblichen Opfer bei Taufen und Trauungen und Kirchgängen verwende ich seit 1905 zu innergemeindlichen Zwecken, worüber ich dem Gemeindekirchenrat von Zeit zu Zeit freiwillig Rechnung lege.

Die Gebühren für Zeugnisse sind 1883 gesetzlich abgeschafft, dergleichen das früher gezahlte Beichtgeld bei der Anmeldung zur Kommunion. Naturalbezüge früherer Zeiten sind abgelöst. Die Konfirmanden pflegen mir zum Konfirmationstage ein Andenken etwa im Wert von 15 Mk zu stiften und auf den Altar zu stellen, wie’s altes Herkommen ist.

Mit dem Weltkrieg ist es auf meinen Wunsch in Wegfall gekommen.

Eine unangemeldete Kirchenvisitation hielt der Superintendent Fischer († 1912) in Bernburg hierselbst am Dom. Exaudi 1899, eine angemeldet am 2. Advent, 6. December 1903. Am 3. Advent (= 15. December) 1907 war er zum 25. Kirchbaujubiläum eingeladen und erschienen. Er wirkte bei demselben durch eine Ansprache im Gottesdienste und in dem Familienabend vor sehr zahlreich versammelter Gemeinde mit.

Auf dem Familienabend wurde der Grund zum hiesigen Zweigverein des evangelischen Bundes gelegt.

Ein bescheidenes Festessen fand in der Pfarrei statt, zu welchem die Kirchenältesten und der Kantor eingeladen waren und an welchem der Seperintendent teil nahm.
Im September 1899 und dann wieder im September 1908 wurde hier ein Heiden-Missionfest des Erxlebener Missionshilfsvereins gefeiert und am 10. September 1911 ein Gustav-Adolf-Fest des Bernburger Kirchenkreises.

Seit meinem Hiersein gehöre ich dem Güstener Pastoralbezirk an, der in der Regel monatlich eine Versammlung in Güsten abhält. Außerdem findet ein Jahr ums andere eine Versammlung der Ephoral - Geistlichkeit des Bernburger Ephoral - Bezirkes in Bernburg und eine Versammlung der ganzen Anhaltischen Geistlichkeit (in einer der 5 Kreis- und Superintendanturstätten) statt. Außer diesen amtlich angeordneten Versammlungen der Pastorenschaft seit 1895 nun in Güsten jährlich tagende (freie) Konferenz, welche vor einigen Jahren sich den deutschen Pfarrervereinen angegliedert hat. Durch sie ist die Lutherstiftung zur Unterstützung verwaister und unversorgter Pfarrtöchter ins Leben gerufen. Dieser Konferenz gehöre ich seit Anfang an.

Was meine theologische Richtung anbetrifft, gehöre ich zu den Anhängern der Albrecht Ritschelschen Theologie, wie sie etwa in Kattenbusch, Professor der systematischen Theologie an der Universität Halle gegenwärtig seinen Vertreter hat.
(Der Satz ist gestrichen, um nicht falsche Vorstellungen zu erwecken, wofür die Theologie von Mai und weil sich die eine theologische Stellung seit 1909 geändert hatte.)

Zur Beschäftigung mit der Ortsgeschichte Großmühlingens führten Stoffsammlungen zu Familienabenden seit Winter 1899/1900, nachdem ich schon früher für die allgemeine Volkskunde durch meinen Freund, den in Dessau als Gymnasialprofessor 1902 verstorbenen Dr. Oscar Hartung interessiert worden war. Nach dem Erscheinen des Werkes über Anhalter Kirchenglocken von Superintendent Schubart 1896 beschäftige ich mich mit der Glockenkunde, den Ertrag dazu habe ich in der Abhandlung „Mittelalterliche Glockenkunde, Beitrag zur allgemeinen Glocken- und Volkskunde“ in den Mitteilungen des Anhaltischen Geschichtsvereins X 3. Heft 1906 niedergelegt.
Nachdem Ostern 1906 das hiesige Rectorat eingezogen war, wurde die hiesige Ortsschulinspec-tion mit dem Pfarramt wieder verbunden, wie es bis 1884 der Fall gewesen war.

1919 ist die geistliche Ortsschulinspection im ganzen Lande, wie schon ca. 10 Jahre früher die geistliche Kreisschulinspection, aufgehoben.
Pastor F. Loose wurde zum 1. August 1923 wegen seines vorgerückten Alters pensioniert (mit _ seines Gehalts). Er blieb im Pfarrhause wohnen. Die Pfarrstelle wurde von Pastor Richard Siedersleben († 1939 in Bernburg) in Kleinmühlingen verwaltet, seit Januar 1924 von Pastor Udo Fichtner in Kleinmühlingen. 1. November 1925 wurde Pastor Werner Niemann hiesiger Pfarrer, 1927 mit Magdalene Loose verheiratet.

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