Grossmühlingen - ein typisches Bördedorf

Hof Nr. 35 (Spielhaus /Armenhaus)

(des Planes pro 1674)
=Nr. 25 des Reineckeschen Verzeichnisses de November 1674.
(Abgebrochen nach 1880)
(Vgl. über das Spielhaus sub Küsterei S. 60 im 3. Teil)

Im Jahre 1674 bezeichnet Pastor G. Reinecke dies Haus als „Spielhaus“. Es bestand
ursprünglich aus 2 Häusern: a.) Hospital für erkrankte Fremde (Spittel) b.) Spielhaus. – Im Personenverzeichnis 1796 wird es als „Hospitalwohnung“ aufgeführt wo der Nachtwächter u. die Hebamme ihre Dienstwohnung hatten, während der westliche Teil des Hauses damals reparirt oder neugebaut wurde, um Arme darin aufzunehmen (cf. Sintenis, Acc. Buch 1797, 19, 20) – In den Amtsacten de 1841 ist das der Gemeinde gehörige „Nachtwächter- u. Hebammenhaus (einst Spielhaus) und Armenhaus (einst Spittel) genannt. 1841 wohnte der Nachtwächter (=Gemeindediener oder Panneman im Ostgiebel; die Hebamme in der Mitte des Hauses; am Westgiebel war 1841 eine Wohnung für eine arme Familie (resp. Miethswohnung) sowie eine Krankenstube auf der anderen Seite des Flurs. (= Haus Nr. 35), welches 1841 die Gemeinde in baulichem Stande erhielt (cf. sub Hof 1 (12)). Es stand noch 1880, wurde dann aber auf Abbruch verkauft, nachdem man schon früher (etwa 1868) die bisherige Gemeindebäckerei (Haus 15) zum Armenhause gemacht hatte. Das Terrain, auf welchem Haus Nr. 35 gestanden hatte, wurde nicht wieder bebaut. Vor seinem Abbruch hatte Haus Nr. 35 2 Hausthüren und 3 sehr niedrige Wohnungen mit ganz kleinen Fenstern. An seinen Ost- und Westgiebel lag je ein kleiner niedriger Schweine bzw. Ziegenstall mit ganz kleinem Hofraum davor. An der Rückwand des Hauses (=Nordwand) hingen die Feuerleitern.



Der im Vorstehenden gezeichneten Skizze liegt der Plan des Dorfes auf der Separationskarte de 1846/7 zu Grunde.

Im Nachfolgenden wird a) das Armenhaus b.) das Spielhaus gesondert behandelt. –
Gartenland konnte für den Hausmann bei Gründung das Armenhauses nicht zugelegt werden, weil sich nördlich des Armenhauses ein Wall entlang zog, der erst später planirt wurde, als Gehöft Nr. 8. 10. 11 gegründet sind (um 1200 u. X.)


A. Das Armenhaus

Das „Armenhaus“ ist in der Kirchrechnung 1585, 1586 erwähnt; es wurde damals von der
Kirche in baulichem Zustande erhalten; sie ließ in jenen Jahren das Dach umdecken und
bezahlte den Kachelofen. In demselben wohnte der „Spitalmeister“ (K R.1598) =
„ Spittelmeister“ (K R 1604). Das Personenverzeichnis 1796 enthält die Bezeichnung
„ Hospitalwohnung“ die sich aus ältester Zeit für das Armenhaus erhalten hatte. Es wurde
darin Gastfreundschaft an den Armen geübt, welche aus dem Orte stammten, oder von fernher als Hülfsbedürftige Herberge begehrten. Derselbe war der über das Armenhaus oder Hospital von der Kirche eingesetzt Hausmann und Krankenpfleger. Er war zugleich der Totengräber. Während in den Dörfern der Zerbster Gegend in Ermangelung eines Totengräbers die Nachbarn das Grab machten, besorgte das hier der Totengräber, vermutlich schon seit frühen Zeiten. Das Hintragen der Leiche u. das Zufüllen des Grabes besorgten dann (in Gegenwart des Totengräbers) die Nachbarn hier wie in der Zerbster Gegend auch. Die erforderlichen Begräbnisutensilien (K R: 1610 u. o.) an Spaten, Schippen, Picken, Bahren, Seilen bezahlte die Kirche. Sie bezahlte auch die Kosten des Begräbnisses von zugewanderten Armen die hier starben. Der „Spitalmeister“ erhielt 1598 aus der K. Kasse für die Anfertigung eines Sarges und Grabes eines armen Jungen und 1635 für die Anfertigung eines Grabes für einen in Quiritzfeld tot aufgefundenen Kurfürstlichen Soldaten seinen Lohn. Im J. 1611 starb ein (auswärtiger) Student im Spittal.
Der Totengräber war der Nachtwächter des Dorfes u. zugleich der Glöckner u. Balgentreter (cf. Sintenis Acc. Buch 1778, 5) seitdem es eine Orgel gab, trat er die Balgen und seitdem die Sacristei einen Ofen hatte, heizte er denselben. (cf. K R. 1728 u. a.) Für das Begräbnis scheint er schon früher der Glockenläuter gewesen zu sein; selbst verhindert durch seine Gegenwart beim Begräbnis, ließ er durch von ihm Beauftragte das Glockengeläut ausführen. 1800 wohnte der Glöckner u. Balgentreter nicht mehr im ehemaligen Armenhaus, sondern in seinem eigenen Haus.(Sintenis Acc. Buch 1800, 52)
Das Armenhaus hierselbst ist uralt. Wenn es nicht schon in heidnischen Zeiten bestand, so ist es bei der Einführung des Christentums errichtet. Ein Teil der Einnahmen der Kirche wurde seit 800 „für die Armen aus dem Ort u. von ferne her“ deshalb „Hospital“ genannt
aufgewandt. „Der Pfarrer sollte die Armen an seinem Tisch speisen“ d. h. in dem seiner
Leitung unterstellten Armenhaus (cf. Hanck K. Gesch. II, 711, 724). (Vgl. in der allgem.
Gesch. des Dorfes sub Armenhaus u. Armenwesen). Im Jahre 1674 wird das Armenhaus mit dem Spielhause zusammen als ein Haus bezeichnet. Es scheint also, daß es schon dazumal in den Besitz der Gemeinde übergangen war, welche hinfort die baulichen Besserungen bezahlte. Wenn 1708 „eine Soldaten- oder Bettlerfrau“ im Spielhaus niederkam (T. R. 1708, 4) wenn 1740 ein Arbeiter aus Wettin „beim Nachtwächter“
starb (St. R. 1740) oder 1742 ein Arbeiterknabe aus Bissdorf „beim Nachtwächter“ starb (St. R. 1742, 9), so ist daraus ersichtlich, daß die Kranken- und Armenstube im Armenhause der Ort war, wo jene Personen Unterkunft gefunden hatten. In späterer Zeit wurde das ganze Haus 35 mit seinen beiden, ursprünglich von einander getrennt gehaltenen Teilen, bald „Spielhaus“ bald „Armenhaus“ genannt (pars pro toto).
Die Dienstwohnung des Totengräbers bzw. Nachtwächters lag 1585 ff. am Westgiebel des
alten Armenhauses. Er nutzte 1654 ff. 1 1⁄2 Mg. Acker, die neben den 1 1⁄2 Mg. des Dorfhirten lagen (cf. sub Haus 32); davon lag 1⁄2 Mg. am Ostabhang des Weinberges (in der Nähe des Galgens?) u. 1 Mg. in der wendischen Mark in der Gegend der heutigen Sandkiethe. 1752 erhält der Nachtwächter aus der Gemeindekasse 10 Thaler Jahrlohn, 22 Groschen zu 1 Paar Schuhen, 21 Groschen für das Pfänden. (G. R.) Der Gemeindediener der zugleich der Nachtwächter ist, heißt noch heute im Dorf der „Pannemann“. – Von den Hofbesitzern wird der Wächter 1752 ebenso Korn u. Geld erhalten haben wie im Jahre 1841. 1841 war der Totengräber ein im Dorfe wohnender Mann u. der damalige Nachtwächter, der zugleich„ Gemeindediener“ war, wohnte am Ostgiebel des Spielhauses, während die Wohnung am Westgiebel des Armenhauses vermiethet war, wenn nicht eine arme Familie dort unentgeltlich Unterkunft erhielt. 1857 wohnte hier der Dorfhirt Sens, da das Hirtenhaus verkauft war. Der Wächterlohn bestand 1841 in Korn u. Geld (Hof 1 hatte 1841 in Sa. 2 Schffl 3 Mtzg. herkömmliches Hirten- u. Wächterlohn (=Gemeindediener) zu zahlen cf. sub Hof 1). Nach 1841 erhielt der Nachtwächter aus jedem alten Ackerhofe 1 Brot u. 1 Wurst, wie auch der Pastor, Cantor, Hirt u. Amtsdiener, welch letztrer einst (um 1600) „Frohne“ genannt wurde. Zu Neujahr hielt der Nachtwächter „Umgang“ zur Einsammlung von Geschenken. Zu Ostern dsgl. zur Einsammlung von Ostereiern.

B. Das Spielhaus

Um 1562 stand das Spielhaus in manchen Dörfern des Erzstiftes Magdeburg noch dicht am
Friedhof bzw. an der Pfarre (Magdeb. K. Visit. Protoc. 1562/4). Auch in Mühlingen hat es
einst am Friedhof gestanden und zwar da, wo jetzt das Cantoratshaus steht. (cf. sub Küsterei u. allgemeine Geschichte des Dorfes vor u. nach dem Jahre 800). Wann es von dort verlegt und neben das Armenhaus gebracht wurde, ist unbekannt. Wahrscheinlich wurde das hier stehende Backhaus, dessen man schon lange nicht mehr bedurfte, als Spielhaus genutzt (zur Gemeindeversammlung, Feier von Familien- u. Volksfesten).
1594 stand es bereits neben dem Armenhause(=Haus 35), denn die Schulscheune, welche auf die Stelle des ehemaligen Spielhauses gebaut worden war, wurde 1592 neu gebaut (cf. sub Küsterei). Vermutlich hat das Spielhaus seinen Namen von den theatralischen Vorstellungen erhalten, welche schon in heidnischer Zeit u. dann auch nach Einführung des Christentums fahrende Spielleute gaben. Vielleicht besaßen mehrere um 800 noch kleine Dörfer ein gemeinsames Spielhaus, und nannte man die zu einer Parochie verbundenen Dörfer deshalb in christlicher Zeit ein „Kirchspiel“, eine Bezeichnung, die sich bis in die Gegenwart amtlich u. im Volke erhalten hat. Das Spielhaus war zugleich das Versammlungslocal für kirchliche u. communale Angelegenheiten; in Städten entwickelte sich daraus das Rathhaus, welches in mittelalterlichen Urkunden theatrum (=Spielhaus) genannt wurde. Die alten Rathhäuser der Städte liegen in der Regel an dem Friedhof der ältesten Kirche ebenso wie die Spielhäuser auf den Dörfern um 1550 mehrfach noch hier ihren Ort hatten. [Das Dorf Mehringen (Kr. Bernburg) hatte 1308 ein „theatrum“ (cf. Zerbster Jahrbuch 1907, S. 60), während z. B. das Dorf Gross-Alsleben 1619 ein „Rathhaus“ hatte (cf. Zerbster Jahrbuch 1907, S. 24). Das theatrum dort u. das Rathhaus hier halte ich für identisch mit „Spielhaus“. (Über die Bezeichnung theatrum für Rathhaus cf. Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer 3. Aufl. 1881 p. 806)].
Es soll Wünningsdorf in vorchristlicher Zeit mit Mühlingen in einem cultischen Verband
gestanden haben. Den Namen „Kirchspiel“ erkläre ich als Gemeinschaft cultischer Spiele. An Stelle der dramatischen Vorführungen von Göttergeschichten wurde in christlicher Zeit
Evangelien Erzählungen in dramatischer Form dargeboten im alten Spielhaus z. B. aus der
Gebürts- oder Leidensgeschichte Jesu. Am heidnischen Opfermahl nahmen wol nur die
Verheirateten teil während die Jugend das Fest mit Tanz feierte. Falls das hiesige Spielhaus nicht groß genug gewesen wäre, daß die Wünningsdorfer mit den Mühlingern zugleich darin schmausten, so schmausten jene u. diese an verschiedenen Tagen z. B. um Martini. Im Grossmühlingener Spielhause =Haus 35 wurde (lt. KR.) die Kirchrechnung in Gegenwart der ganzen Gemeinde (=aller Mitglieder der Gemeindeversammlung) am 19. Februar 1593, 24. Februar 1595. 1597, 27. Februar 1631 abgenommen; in den übrigen Revisions-Unterschriften zu den Kirchrechnungen jener Zeit ist nicht besonders erwähnt, daß die Abnahme der Rechnung im Spielhause geschehen sei, ist aber nicht zu bezweifeln. In der Unterschrift zur K R. 1596 ist das Versammlungslocal „Haus“ genannt (=Spielhaus).
Ebenso fanden die Gemeindeversammlungen in anderen Angelegenheiten in jener Zeit im
Spielhause statt u. tagten dort die „Dorfgerichte“. Es beklagte sich im Januar 1626 auf dem Gerichtstage am Schloßhof, dem der hiesige Amtmann präsidirte, als der höhern
Gerichtsinstanz, der hiesige Dorfrichter Hans Lüdecke sen., über die Gemeinde: „Wenn
geläutet oder durch den Bäcker gefordert wird“ (zur Gemeindeversammlung), „so stelle sich Keiner „im Spielhauses“ ein, etwa nur 3 oder 4 Mann, da doch in dieser gefährlichen
Kriegszeit viel zu besprechen sei,“ (Schöppenbuch) und Donnerstag nach Sexag. 1625 hat der Kossath Cl. Wichmann (vom Hof 19 b u. 19 a) „auf dem Spielhause in der Stube, der
Versammlungsraum wurde immer noch „Stove“ genannt weil es einst Backraum gewesen war (3,89), die sämtlichen Gerichte injurirt, sie handelten wider Recht, was er vor dem Amtmann widerrufen mußte.“ (Schöppenbuch). Das Spielhaus war ferner (seit alter Zeit), auch wenns noch am Friedhof stand, daß Tanzlocal.„ Um 1562 wurde im Spielhause zu Welsleben alle Sonntag Nachmittag ein gemeiner“ (=allgemeiner) „Tanz gehalten, da von dem jungen Völklein allerlei wild und wüst Wesen und leichtfertiges getrieben; ist solcher Tanz gänzlich abgeschafft u. verboten worden.“ In Eickendorf war um 1562 „das Spielhaus nahe an der Pfarre; es soll künftig besichtigt, und Ärgernis zu verhüten abgeschafft werden.“ Das Ärgernis bestand eben in dem Tanz so nahe am Kirchhof. (Vgl. Magdeb. K. Vis. Protoc. 1562-1564 II sub Welsleben u. Eickendorf, Lembsdorf) Der Hausmann für das alte Spielhaus war der Küster dessen Haus daneben stand.

– Im Spielhause war 1674 eine Wohnung für den Hausmann; er nutzte einen kleinen Viehstall am Ostgiebel. Es wohnte 1674 ein hiesiger Schneider im Spielhause. Die Schneider waren in der Zerbster Gegend noch um 1860 häufig die Dorfmusikanten, die zum Tanze aufspielten. Es war practisch, einen Schneider zum Hausmann des Spielhauses zu machen, wenn er die Fiedel zu streichen verstand.

– Daß Hirten Tanzmusik gemacht hätten, welche das Spiel der Flöte oder Schalmei in der Regel verstanden, ist mir aus keinem Dorfe bekannt. 1625 wurde die Gemeinde-versammlung vom Bäcker bekannt gemacht. Der Bäcker ist 1589 erwähnt, wo also das Backhaus mit einer Wohnung für den Bäcker bereits vorhanden war. Das Schulhaus (=die Küsterei) wurde 1646 u. 1651 vom damaligen Schulmeister „Spielhaus“ genannt; 1674 ist es „Schulgebäude“ genannt. Das Spielhaus war 1674 nicht mehr der Versammlungsort der Gemeinde; die Gemeindeversammlungen wurden erst später in die Gemeindeschenke verlegt, wo dann auch die Kirchrechnungen abgenommen wurden (cf. Sintenis Bemerkung zur Gemeinderechnung 1752 ff.). Denn es wohnten darin 2 Familien 1674 (cf. I, 81, 82), während in dem gleich großen Spittel 1 Familie wohnte, weil in ihr die Stube für erkrankte Fremde frei gehalten wurde; 1708 gebar darin eine auswärtige Frau.

Die Schenke ist auch seitdem erst das Tanzlocal geworden; da sie klein war, so wurde anfangs wohl auf „dem Boden“ über dem Pferdestall getanzt. Die Bezeichnung „Tanzboden“ für das Tanzlocal führt auf die Annahme, daß man früher auf einem Hausboden getanzt habe, wenn das Wetter u. d. Jahreszeit den Tanz im Freien nicht gestattete. Die um 1750 geschriebene Atzendorfer Chronik berichtet, daß Burschen ihre Lust daran gehabt hätten, Löcher in den Tanzboden bei großen Hochzeitsfesten zu stampfen. In der Cöthener Gegend richteten die größern Hofbesitzer ihren Kornboden zum Tanzboden für ihr Gesinde zum Fest des Erntekranzes noch um 1870 ein. Vielleicht hatte man auch einst, da die Spielhäuser noch bestanden, auf dem Boden derselben u. nicht im Versammlungslocal, das zu ebener Erde lag, getanzt.
Hier in Mühlingen wurde das Versammlungslocal im Spielhause zu einer Familienwohnung
eingerichtet. Es war 1674 im Spielhause an dessen Ostgiebel der verheirathete Schneidermeister Chr. Balkan wohnhaft, während im Armenhauses 1674 der Nachtwächter nebst Frau wie sonst u. in der Krankenstube ein verheirateter Schäferknecht wohnten. Wie die ältesten Leute sich erinnern, hatte das ehemalige Spielhaus (=östlicher Teil des Hauses 35) in den letzten Zeiten eine geteilte Haustür u. einen geteilten Hausflur, so daß die beiden darin wohnenden Familien von einander getrennt waren; wahrscheinlich war auch die Küche geteilt; um Streitigkeiten zwischen den Bewohner zu vermeiden. Dagegen hatte das ehemalige Armenhaus einen ungeteilten Flur, von welchem nach links eine Thür in eine Familienwohnung (um 1600 die des Totengräbers), und nach rechts Thür in eine Stube (=die alte Krankenstube) geführt habe. Die Küche lag sowohl im Armen- wie im Spielhause gegenüber der Hausthür.
Der 1674 im Spielhaus wohnende Schneider Chr. Balkan erwarb um 1700 das Gehöft 36 (des Planes pro 1674). (Siehe über ihn sub Hof 36).
Eine der beiden Wohnungen das Spielhauses war von der Gemeinde 1752 für 7 1⁄2 Taler
jährlich vermiethet; 1754 wohnte darin der Bader „Herr Fabricius“ als Miether (Gemeinde-
Rechnungen). 1796 bewohnte die Hebamme eine der beiden Wohnungen des Spielhauses; dgl. 1841 (cf. Amtsacten); sie hatte 1674 noch keine Dienstwohnung, sondern wohnte damals zur Miethe in Hof 4 b. Man erinnert sich, daß sie in 19. Jahrhundert die westliche Wohnung des ehemaligen Spielhauses (= mittlere Wohnung das ganzen Hauses 35) hatte, während die östliche dem Gemeindediener =Wächter u. Feldhüter (Sintenis Acc. Buch 1782, 27) zur freien Nutzungü berwiesen war. Im Dorfe nannten viele das ganze Haus Nr. 35 „Speelhus“ (=Spielhaus), bis es samt dem Spital um 1800 abgebrochen wurde; unbekannt mit der ins Altertum zurückreichende Geschichte eines solchen Hauses meinten sie, daß Haus sei deshalb so genannt, weil auf dem Platze beim Hause die Kinder des Dorfes zu spielen pflegten. Das Terrain, wo das Spielhaus stand, erhebt sich etwas über das umliegende Terrain. Nachgrabungen auf dem jetzt freien Platze haben nicht stattgefunden.

– Was die Erhöhung des Terrains betrifft; so könnte sie darin begründet sein, daß die Spielhäuser, welche zugleich die Dorfgerichtshäuser waren, auf erhöhtem Platz zu bauen, herkömmlich war, u. wo die Natur einen solchen nicht darbot, man ihn durch Auffüllen von Erdreich beschaffte. Wahrscheinlicher ist, daß das ganze Terrain einst ein Wall war zur Befestigung des Dorfes, welcher planirt wurde in späterer Zeit. Nördlich fällt das Terrain ab, (cf. die tiefere Lage der Höfe 7-10, besonders des Hofes 7) u. steigt dann wieder bedeutend nach dem Dorfbach hin, so daß die Gärten zu Hof 7-10 viel höher liegen, als die Hausgärten an der linken (=nördlichen) Grabenseite. Diese Gärten zu Hof 7-10 sind durch Planirung eines Walles geschaffen. (cf. I, 48) An der Südostecke des Spielhauses, die abgeschrägt war, sah man bis zu seinem Abbruch ein Halseisen und einen Trittstein; hier war der Pranger, an den gewisse Verbrecher gestellt wurden. Man erzählte sich, die Vorrübergehenden hätten nach ihnen mit faulen Eiern oder Äpfeln geworfen. Abgeschrägt war übrigens auch die Südostecke des Gemeindebackhauses (siehe sub Haus 15).
In seinem Bericht de 1692 sagt Pastor Reinecke, die Gemeinde halte die Bäckerei (= Haus
15), die Schenke (=Haus 33) und das Hirtenhaus (=Haus 32) in baulichem Zustande. Über das Spielhaus (= Haus 35) u. dessen Instandhaltung erwähnt er dabei nichts. Ob er’s vergessen hat? Oder ob strittig war, wer es zu erhalten habe? Ob er also die Sache absichtlich in der Schwebe hielt? Ausgaben für das „Armenhaus“ habe ich nur 1585, 1586 ff. nicht aber in der Zeit nach dem 30 j. Kriege in den Kirchrechnungen gefunden; Ausgaben für das„ Spielhaus“ in der Zeit 1646-1658 begreifen sich als Ausgaben für die Küsterei, welche immer noch Spielhaus von Vielen genannt wurde; aus der Zeit vor dem 30 j. Kriege finde ich hier keine Ausgaben der Kirche für „das Spielhaus“. Dagegen waren um 1562 Kirchengelder„ zur Erbauung und Besserung der Schenke, des Hirtenhauses, des Spielhauses und der Badstuben“ verwandt in Hohenwarsleben, welche Gelder nach Anordnung der Kirchenvisitatoren der Kirche zu ersetzen waren. (Magdeb. K. Visit. Protoc 1562/4 II, sub Hohenwarsleben). Meines Erachtens würde eine solche Verwendung von Kirchengeld ganz unmöglich gewesen sein, wenn sie nicht alten Herkommen entsprochen hätte, das den damaligen Visitatoren unbekannt und unverständlich war, weil es anders wo nicht mehr bestand. Übrigens ergiebt sich aus jener Geldverwendung in Hohenwarsleben, daß dort Spielhaus und die Schenke 2 verschiedene Gebäude gewesen sind, wie dafür auch das Häuserverzeichnis des G. Reinecke für Gr. Mühlingen de 1764 beweißend ist. Eine Badstube für die Gemeinde zu Gr. Mühlingen habe ich nirgends erwähnt gefunden. Daß es im Mittelalter auch hier eine solche gegeben habe, dünkt mir wahrscheinlich,

– Wahrscheinlich lag das alte Badhaus ursprünglich auf 12 a. 1217 kam das Badehaus mit der Wohnung für den Bader als Hausmann neben das Spittel. Vor Hof 10 u. 11 lag Nr. 6 ursprünglich als die Schmiede. Später wurde das Badehaus als Spielhaus genutzt, als den Bädern keine cultische Bedeutung mehr zugemessen wurde. Zur Zeit Eikes von Reppihau scheinen Badstuben eine allgemeine Einrichtung in den Dörfern wie in den Städten gewesen zu sein. (vgl. S. 282) Der Pfarrer hatte im Pfarrhause eine Badestube, die nach dem 30 j. Kriege einging (cf. sub Pfarrhaus); auch der Dorfrichter auf Hof 24 hatte in seinem Hause vor dem 30 j. Kriege eine Badstube (cf. sub Hof 24 (26)) (lt. Schöppenbuch, Inventarienverzeichnis). Das Wasser holten die Bewohner des Armen- und Spielhauses aus dem Brunnen an der Nordseite der Gemeindeschenke. Ihren Kirchensitz hatte die Nachtwächterfrau seit alter Zeit auf der hintersten Bank an der Nordmauer, hinter den sonstigen Frauensitzen, wo auch die Frau des Dorfhirten saß (cf. Kirchenstuhlordnung).

– Eine dunkle Erinnerung, daß das Spielhaus einst bei der Küsterei (=Schule) lag, hatte sich im Dorfe bis zur Zeit des Cantor Sintenis erhalten, derselbe berichtet Chronik I., S. 86: „Man sagt, die Schule sei im Dorfe gewesen, was das sogenannte Spielhaus =Haus 35 geworden ist.“ Sintenis hatte die Leute immer noch Schule und Spielhaus in enge Verbindung bringen hören, die aber nicht mehr wußten, daß das Spielhaus einst dicht bei der Küsterei (=Schule) gestanden hatte, sondern an das Haus Nr. 35 des Planes pro 1674 dachten, als ob hierin jemals Unterricht gegeben sei.
Wenn der Küster (=Schulmeister) Kilian Erdtmann „vom Spielhause jetzo Schulgebäude“
1646 (K. Rechnung 1646) spricht, so bezeichnet er dabei die von ihm bewohnte Küsterei
(=Nr. 43 das Planes pro 1674), die auch das Schulzimmer enthielt, als das Gehöft, wo einst das Spielhaus u. zwar südlich der Küsterei stand (cf. sub Küsterei im 3. Teil S. 60). Das Spielhaus =35 hatte keinen Keller (Zeitgenossen); da Ausgaben für die Kellerthür 1646 sub tit. Ausgaben für das Spielhaus jetzo Schulgebäude notirt sind, so ist mit diesem Gebäude die Küsterei gemeint = Nr. 43 des Planes pro 1674 I, S. 87 u. nicht das Haus 35 (cf. III. S. 60).

[Zur Literatur betreffend Spielhaus:
E. Jacobs, Markt und Rathaus, Spiel- und Kaufhaus in der Zeitschr. des Harz-Vereins
XVIII (1885) S. 198. 205. 211. 228.

Hertel, Urkundenbuch der Stadt Magdeburg I, S. 69 (theatrum), S. 491 (Kophus).
„ Das Spielhaus (theatrum) diente vielfach als Rathaus (consistorium, praetorium)“

Mansfelder Kirchen Visit. Ordnung de 1555 verlangt, daß die Schenken und Spielhäuser
die gewöhnlich bei den Kirchen oder gar auf den Kirchhöfen standen (in Bornum parallel
der Südmauer der Kirche, wo 1860 die Fundamente des ganzen Spielhauses deutlich zu
erkennen waren) von Obrigkeit wegen geschlossen wurden. (Mansfelder Bl. 12, S. 65.
69.).]

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