Grossmühlingen - ein typisches Bördedorf

Das Hirtengehöft Nr. 32

(des Planes pro 1674)
(=Nr. 28 des G. Reineckeschen Verzeichnisses de 1674; ist eingegangen)
(Vgl. das Actenheft „Dorfhirte“ im Gemeinde-Archiv)

Zum Hirtengehöft gehörte ein Viehstall u. ein kleiner Garten westlich am Gehöft. In der K R. 1595 ist erstmalig erwähnt, daß der Dorfhirt das kurze Stroh vom Drusch des auf 10 Morgen Kirchenacker jährlich geernteten Getreides erhielt; dafür erhielt die Kirche den Mist aus dem Hirtenhofe; letztmalig 1764, in welchem Jahre der Kirchenacker erstmalig verpachtet ist, mit dem sie ihren Acker düngen konnte. Vorher hatte sie den Mist vom Schmied etc. gekauft. Der Hirt hatte also ein Recht, Schafe zu halten und dieselben auf die Weide mit den Schafen des Dorfes zu treiben.
Er hatte „Schäferknechte“. 1674 wohnte ein verheiratheter Schäferknecht im Hirtenhause, ein desgl. im Spielhause (= Haus 35), ein desgl. im Gehöft 26 (zur Miethe; es ist fraglich, ob der letztere des Dorfhirten oder des Schafmeisters auf dem Amte Knecht war); ferner hatte der Dorfhirt 1674 einen „Schweinejungen“, der bei ihm wohnte. Ausgetrieben wurden die Schafe u. die Lämmer in getrennten Herden. (1697 ist ein Lämmerhirt Ziliax erwähnt); ferner die Kühe (1706 „Kuhhirt Dene? im Dorf), ferner die Schweine (1662 Gemeindeschweinehirt Kubbe), daß auch Pferde ausgetrieben seien, wie z. B. in Bornum um 1830, findet sich in den hiesigen Acten keine Andeutung. In der K R. 1631 ist auch ein Gänsehirt erwähnt; Gänse wurden viel gehalten; in der Separation wurden 2 Gemeindegänseweiden ausgewiesen. Wie es scheint, durften auch die Häusler immer Gänse in beliebiger Zahl halten; der Gänse-Hirt wurde u. wird noch immer von den Eigentümern der Gänse nach ihrer Stückzahl bezahlt. Ausgetrieben werden die kleineren Gänse nicht vor dem 1. Mai =Walburgis, wie schön auch das Wetter im April sein mag.
„ Dem Dorfhirten“ oder „Gemeindehirten“, der im Hofe 32 wohnte, war in ältesten Zeiten
vermutlich das gesamte Hirtenpersonal unterstellt, wobei wohl nur der Gänsehirt ausgenommen sein mochte.
Er besoldete die ihm unterstellten Knechte. – 1755 miethete die Gemeinde selbst den
Lämmerhirten (Gemeinde-Rechnung). Das Hirtenjahr hat mit Lichtmeß (=2. Februar) angefangen, denn 1755 (lt. Gemeinderechnung) wurde ihm sowie dem Lämmerhirten der „Miethspfennig“ (=2 Groschen) zu Weihnachten gegeben und lt. Gem. Rechnung 1761 wurde der Hirt „Lichtmeß angenommen“. – Ein alter Schafmeister sagte mir, es sei deshalb so geordnet gewesen, weil, wenn etwa das Hirtenjahr erst zum 1. Mai begonnen hätte, ein Hirt sich beim Lammen hätte rächen können, weil ihm seine Stellung gekündigt war.
Über den Viehestand um 1600 gaben Inventarienverzeichnisse des Schöppenbuches so viel Auskunft, daß man sich ein ungefähres Bild davon machen kann. Das Weidevieh an Kühen u. Schafen war damals nicht gerade zahlreich. Der Dorfhirt u. sein Schafknecht wurde vor dem Justiziarius verpflichtet (Gemeinde-Rechnung 1780/1).
Der Dorfhirte samt seinen Knechten hatte freie Wohnung; 1654 ff. (= Adam Kesebieter 1654) nutzte er 1⁄2 Mg. Acker in Quiritz (beim Galgen?) und 1 Morgen in der wendischen Marke. Dieser letztgenannte Morgen lag gegen die Höfe am Glötheschen Wege, nördlich der jetzigen Sandkiethe ist und taugte nichts (lt. Bericht der Zeitgenossen); bestellt wurde der wenige Hirtenacker vom jedesmaligen (=großen) 1. ten Bauermeister bis 1841; derselbe hatte auch dem Hirten um 1841 das Stroh, (der Kirchenacker war seit 1764 verpachtet, so daß der Hirt zum Streuen von der Kirche kein Stroh mehr geliefert erhielt. – Der Bauermeister wird um 1841 den Mist aus dem Hirtenstall erhalten haben), zum Streuen in des Hirten Schafstall zu liefern. Zu Michaelis erhielt er Korn „geschüttet“. Ein Hof wie Nr. 1 schüttete in Sa. 2 Scheffel 3 Metzen Roggen für Hirt u. Wächter. Gleich dem Cantor u. Pastor, dem Nachtwächter (=Gemeindediener im Schulhause) u. Amtsdiener erhielt er aus jedem alten Ackerhofe 1 Brot u. 1 Wurst (zu Martini bzw. Neujahr betagt). Zu Neujahr hielt er einen Umgang in den Bauernhöfen, wobei er seine Schalmaie blies oder mit dem Horn tutete. Man gab ihm dann Geld, Kuchen, Speck, oder dergl. Zu Ostern holte er sich aus den Höfen „ Ostereier“. Wie viel Schafe er sich halten durfte?
Ob er, wie andere würde das Recht hatte, im Winter eine bestimmte Zahl Schafe auf den
größeren Bauernhöfen durchfüttern zulassen? – Auch der Pastor mußte 1672 hier für seine
Schafe, Kühe u. Schweine an den Dorfhirten Lohn geben, während ihm die Gänse „frei“
gehütet wurden.(cf. Bericht des G. Reinecke de 1674, 1692). (Siehe über die Löhnung des Hirten sub. Hof 1 pro 1841.) Die Dorfhirten wechselten im 17. u. 18. Jahrhundert oft, im 19ten Jahrh. aber nicht. Die Weiber-Kirchensitze für das Hirtenhaus und für die Nachtwächterfrau im Spielhause (= Nr. 35) waren die hinterst gelegenen Sitze an der Nordmauer. – In der Gemeindeversammlung hatte der Hirt nicht Sitz u. Stimme.
Zwischen dem Hirtengehöft und der Gemeindeschenke war in alter Zeit ein Thor. (lt. Bericht von alten Leuten, die darüber sprechen hörten).
Zwischen dem Hirtengehöft u. der südlich davor gelegenen Häuserreihe; denen 1674 von G. Reinecke keine Erwähnung gethan wird, weil sie damals vermutlich noch nicht vorhanden war, war noch um 1840 eine Schlucht, welche „Wolfsschlucht“ hieß. „Wolf“ nannte man das W.-holz im Wege, wodurch das Befahren desselben unmöglich gemacht wurde. So nannte man auch den Balken, an dem die Glocken hingen. „Wolf“ vergl. Schönermark, Altersbestimmung der Glocke. Das Hirtenhaus ist bereits vor dem Juni 1857 verkauft (zwischen 1851 u. 1857). Der Erlös floß in die Gemeinde Kasse (Sep.-Recaß.). Schafvieh gabs dazumal noch. Der Hirt desselben 1857 ff. wohnte in dem Gemeindehause (= Haus 35). Das Hirtengehöft wurde abgebrochen von der Nachbarin, der Wwe Hasse † 1860 cf. sub. Hof 4 a über die Familie Hasse, (im südlichen Teile des jetzigen Hauses Nr. 64) die es angekauft hatte, zwischen dem Hause 64 u. dem ehemaligen Hirtengehöfte wurde eine Bäckerei eingerichtet u. die Hofstätte des ehemal.
Hirtengehöftes zur neuen Bäckerei geschlagen. Jetzt besitzt dieses Haus, wo um 1860 eine Bäckerei war, Pösel samt dem zum Wohnraum eingerichteten ehemaligen Speicher eines jüdischen Kaufmannes (= jetzige Haus-Nummer 99). Die Bäckerei zwischen Haus mit jetziger Nr. 64 (südlicher Teil desselben) u. Hirten-Hofstätte wurde in das Haus 64 verlegt, wo noch jetzt eine Bäckerei ist. Der Dorfhirte Schwenke † 1864 89 J. alt (Peter Andreas) ~ 1801 Anna Dorothee Schumann * 1776, † 1852, (Vollspännertochter aus Hof 12) war der letzte im Hirtenhause wohnender Hirt. Sein Schwiegersohn Andreas Sens † 1875, Dorfhirt, erhielt seine Dienstwohnung im Gemeindehause (= Nr. 35 des Planes pro 1674).
Die Schafzucht ist nach der Separation mehr u. mehr zurückgegangen. Jetzt halten die Bauern keine Schafe und einen Dorfhirten giebts nicht mehr. Der Ackerbau bringt mehr ein, als die Schafzucht. – Die Schafböcke hielten 1846 die Besitzer von Schafen; sie wurden nicht aus der Gemeindekasse angeschafft, wie der Zuchtbulle u. Zuchteber, der vom jeweiligen 1. Bauermeister gegen eine kleine Vergütung aus der Gemeindekasse gefüttert wurden so um 1841 (cf. sub. Hof 1) ( cf. Separations-Rec. S 22).
Einer Beschränkung betr. Zahl der Schafe, die der einzelne Hofbesitzer auf die Weide
schicken durfte, hats um 1846 nicht gegeben. In der Separation wurde die Entschädigung
durch Acker für die bisherigen Weidegerechtsame berechnet nach der „ Winterdurch-fütterung“, d. h. nach dem Besitz des Ackers u. der Ertragsfähigkeit desselben, wodurch im Allgemeinen der Viehbestand im Winter auf den einzelnen Höfen bedingt war (cf. Separat. Acten). So war auch schon um 1674 u. 1692 die Zahl des Weideviehs nicht
beschränkt (vgl. den Bericht des Pastors G. Reinecke de 1674/7 mit demjenigen de 1692, 16, woraus sich ergiebt, daß des Pastors „Weidevieh“ an Kühen, Schafen, Schweinen sich seit 1674 beträchtlich gemehrt hatte).
1749 wurde eine „Verordnung wegen des Christentums der Hirten“ gegeben (K R).
Sie betraf vermutlich den Besuch des Gottesdienstes. Die Hirten u. Schafknechte wurden eidlich verpflichtet (cf. Gemeindeordnung 1780) durch den Justiziarius aus Zerbst auf hiesigen Gerichtstage.

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